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Freitag, 30. Dezember 2011

(Ein etwas älterer Text, der in irgendeinem Ordner meines Laptop lagerte. Ich hab den nicht nochmal überarbeitet, ist also die Originalfassung. So zur Info.)

Die Kanalisation


Ich laufe, setze einen Fuß vor den anderen. Das Wasser schwappt gegen meine Beine. Die Augen auf die gelbgrünliche Flüssigkeit unter mir gerichtet, bewege ich mich weiter. Den Gestank von Exkrementen und anderweitigen Kanalisationsgerüchen ignorierend.
Gedanken schleichen wieder durch mein wabbeliges Hirn, während tote aufgequollene Körper an mir vorbeitreiben.
Ich bleibe stehen, beobachte das Schauspiel regungslos.
Ihre Gesichter sind unkenntlich und doch könnte ich schwören, dass sie mich hämisch angrinsen. So, als wüssten sie von meiner Lähmung, dieser verschissenen Behinderung, die mich am Leben hindert.

Das Wasser schwappt in größeren Wellen gegen meine nackten Beine. Die Rattenbisse an den Waden und Füßen schmerzen. Ekel vor mir selbst packt mich.
Ich bin gelähmt zwischen all den Wasserleichen. Gelähmt, allein, krank von meiner eigenen Existenz, ohne Hoffnung auf eine helfende Hand. Eine, die mich aus diesem Loch herauszieht.

Ich reiße mich von dem Bild, welches sich mir bietet, los und laufe mit zusammengebissenen Zähnen weiter.
Die Einsamkeit umhüllt mich hier unten wie eine Zwangsjacke. Entkommen nicht möglich, der kleinste Versuch zwecklos. Sie nimmt mir die Luft zum Atmen und die Kraft den Ausgang aus diesem so verwirrenden Irrgarten zu suchen.
Dabei bräuchte ich das Licht so dringend.
Das monotone Tropfen des Wassers aus irgendeiner Abwasserleitung begleitet mich auf meinem Weg. Die Uhr tickt. Lebenszeit verstreicht ungenutzt.
Sekunde um Sekunde, Minute um Minute, Stunde um Stunde.
Ein ewiger Kreislauf, dessen Ende in meiner Welt nicht existent ist.

Es fühlt sich seltsam an, an einem Ort zu schlafen, der gemieden wird. Es fühlt sich seltsam an und doch irgendwo vertraut. Paradoxe Gefühle fluten durch meinen Körper, lassen mich leicht erzittern.
Das Wasser steht mir nun schon bis zur Hüfte.

Die Kanalisation, die Katakomben dieser Stadt sind mein neues zu Hause. Zusammen mit der Behinderung, die mich nicht mehr loslässt, alle klaren Gedanken bereits vor dem Denken zu Grabe trägt und mir alles genommen hat, was mir einst lieb und teuer war.

Ich tauche mit dem Kopf unter Wasser, lasse ihre Schreie in meinem Kopf verstummen. Einfach so sind sie weg.
Und während ich die Stille um mich herum genieße, bin ich mir fast sicher, eines Tages, vielleicht, wieder ohne sie leben zu können.





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