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Dienstag, 14. Februar 2017

Verfallen

Der Stoff bedeckt nur wenig von deiner Haut. Kühle Luft streicht über sie, hinterlässt ein Frösteln. Das Kleid, was du trägst war wohl mal ein Abendkleid. Jetzt ist es nur noch ein Fetzen, der schlaff an dir herabhängt.

Der Boden unter deinen nackten Füßen ist kalt, der Raum fast gänzlich dunkel. Doch du kannst Tische und Stühle, um die Erhebung erkennen, auf der du stehst. So allein stehst.

Vorsichtig setzt du einen Fuß vor den anderen. Die Angst regiert jeden deiner Schritte. Die Angst hat alles zurückgedrängt, frisst dein Innerstes auf.

Du willst die Erhebung verlassen, auf der du dich befindest, willst den Krallen, die dich zurückhalten, entgehen. Doch du schaffst es nicht. Als würde eine unsichtbare Wand aus Glas sich vor dir befinden.

Ein Schrei entweicht deiner Kehle. Die Erkenntnis, dass es nur Millimeter an Glas sind, die zwischen dir und der Freiheit stehen, lassen dich verzweifeln.
Du krallst die Hände in den dunklen Stoff und ziehst und zerrst daran.

Das Licht wird heller. Richtet sich nun gebündelt auf dich und beleuchtet deine Umgebung. Du siehst, wie die Leute lachen, wie sie trinken, sich amüsieren, sich berühren.
Sie nehmen keine Notiz von dir. Nicht mal, als du nach ihnen rufst, verzweifelst gegen die Wand schlägst, die dich von ihnen abtrennt.

Du fühlst dich wie eine Anomalie im Gebilde dieser Menschen. Sie sind das komplette Gegenteil von dir, geben vor das zu sein.
Sie interessieren sich nicht für dich, sind so in ihren Gesprächen gefangen, so mit sich selbst beschäftigt, dass sie nichts mehr merken

Langsam gehst du zurück in die Mitte, lässt dich auf deine nackten Knie sinken, legst das Kinn auf die Brust und wartest darauf, dass du irgendetwas fühlst. Irgendetwas anderes, als dieses erdrückende Gefühl, was dein Innerstes ausfüllt. Doch es passiert nichts.

Nichts wird passieren, weil keiner kommen wird, um dich zu retten. Das sind Märchen, die sie den Kindern erzählen, um sie nicht zu früh mit der Realität konfrontieren zu müssen, in die man sie hineinwachsen lässt.
Es wird keiner kommen, um dir zu helfen, dich aus dir zu befreien. Du bist allein.

Mit dieser Gewissheit kämpfst du dich wieder auf die Beine und berührst die unsichtbare Wand, läufst im Kreis, während deine Fingerspitzen das Nichts berühren, bis dir schwindelig wird.
Der Lichtstrahl folgt dir wo auch immer du hingehst, lässt dich nie allein.

Dein Blick schweift zum ersten Mal durch den Raum. Du befindest dich in der Mitte und die Tische um dich herum befinden sich in einem großen Saal. Reich verzierte Wände, Rot- und Goldtöne umgeben dich. Dir wird klar, dass du auf einer Bühne stehst. Sie ist schwarz mit ebenso goldenen Verzierungen wie an Wänden und Decke.
Dein Blick schweift weiter und fällt auf Logen, die sich über dir befinden. Sie sind komplett dunkel, doch du glaubst gesehen zu haben, wie sich etwas bewegt. Wie ein Lächeln durch die Dunkelheit brach, nur für den Bruchteil einer Sekunde.
Du bist dir nicht sicher, ob das was du gesehen hast, wirklich passiert ist. Du bist dir nichts mehr sicher.

Die Gestalten um dich herum sind ruhig geworden. Eine kaum zu greifende Stille scheint den Raum zu erfüllen.
Sie starren dich an, fesseln dich mit ihren Blicken.

Dein Atem beschleunigt sich leicht, als du siehst, wie durch den Gang der zu der Bühne führt, etwas auf dich zukommt. Es sieht aus wie eine Person, doch sie hat kein Gesicht. Nur ein undefinierbares Lächeln liegt auf ihren Lippen. Du wirst das Gefühl nicht los, dass es boshaften Ursprungs ist. Kalt und unberechenbar.

Die Person kommt vor dem Rand der Bühne zum Stehen und streckt dir ihre Hand hin. Deine Füße scheinen nicht mehr zu dir zu gehören, bewegen sich fast schon von allein auf die Geste der Erlösung zu. Du spürst, wie alles in deinem Inneren rebelliert, dich davon abhalten will, diesen Schritt zu gehen, doch du kannst nichts dagegen tun.
Das Bild, was sich dir bietet, ist zu anziehend. Das Versprechen auf Erlösung zu verlockend.

Als die Hand, die sich dir entgegenstreckende berührt, fällt plötzlich alles von dir ab. Um dich herum ist nichts mehr. Alles Gefühl ist weg. All das, was bis eben noch in dir wütete.
Doch du spürst, dass es nicht vorbei ist.

Arme umfangen dich, heben dich von der Bühne und das Letzte, was du hörst, sind die Worte, die dich in die Dunkelheit begleiten:

„Freiheit ist nur eine Illusion, ein Trugbild, meine Liebe. Willkommen in meiner Welt.“