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Donnerstag, 7. Juni 2012

Mit der Hand an der kalten, rauen Steinmauer abstützend bahnte sie sich ihren Weg die Wendeltreppe hinauf. Ihre nackten Füße waren schon ganz kalt und ihren Körper zierte eine leichte Gänsehaut, welche sich unter ihrem dünnen, weißen Kleid gebildet hatte.
Einen Fuß vor den anderen setzend erklomm sie auch die letzte Stufe und blieb vor einer dicken Eichentür mit Messingbeschlägen stehen.
Ihre Finger legte sie auf das Holz, strich leicht darüber, bis sie die Klinke erreichte. Mit leichtem Druck betätigte sie den Griff und stieß sie ein Stück weit auf.
Es war nicht abgeschlossen. Nicht abgeschlossen wie sonst. Augenblicklich fuhr ihr der feuchtkühle Wind unter das Kleid. Fröstelnd legte das Mädchen die Arme um den Oberkörper und schritt vorsichtig bis zum Rand des Turmes, nur um in die meterweite Tiefe hinabzusehen und dort das schäumende Meer vorzufinden, welches mit aller Macht gegen den Fels unterhalb des Schlosses schlug.
Schlaflosigkeit hatte sie bewogen sich des Nachts aus dem Bett zu erheben und auf den Turm zu gehen. Wie so oft in letzter Zeit.

Sie schloss ihre Augen und lauschte dem Rauschen unter ihr.
Doch plötzlich spürte das Mädchen die Anwesenheit eines Wesens und sie wusste genau, ohne sich herumzudrehen, wer hinter ihr stand.
"Luzifer, was verschafft mir denn diesmal deine Ehre?"
"Ich habe dich vermisst", tönte eine tiefe, rauchige Stimme, welche die Luft schweflig färbte, in der Höllensprache hinter ihr.
"Du und mich vermisst? Da ist es ja realistischer, dass du wieder in den Himmel aufsteigst."
Sie drehte sich zu ihm um und große weiße Flügel erschienen auf ihrem Rücken. Das Mädchen sprach die Sprache genauso gut wie er.
"Oh glaub mir, ich habe dich vermisst. In der Hölle. Du hast doch sicherlich nicht vergessen wie viel Spaß wir dort hatten."
"Das ist vorbei. Endgültig. Und das erzähle ich dir heute nicht zum ersten Mal", erwiderte sie.
"Bist du dir da sicher, Liebes? Du mochtest doch die Unterwelt so. Und ich kann deine Unentschlossenheit kilometerweit riechen."
Der Mann in dem schwarzen Anzug trat langsam auf sie zu. Das Einzige, was seine Herkunft zeigte, waren seine rotschwarzen, zerschlissenen Flügel, welche aus seinem Rücken wuchsen.
Sie antwortete nicht, drehte sich von ihm weg. Insgeheim wissend, dass er Recht hatte, mit allem, was er sagte.
Ja, verdammt. Sie vermisste ihn. Jeden Tag. Aber die Chance sich als Engel zu behaupten, würde sie nie wieder bekommen. Nie. Es war so schon ein  Wunder, dass der Herr sie erneut in seine Gefilde aufgenommen hatte. Sein Vertrauen hatte sie nicht verdient. Und trotzdem... der alte Herr schien an das Gute in ihr zu glauben. Seine Wege waren tatsächlich unergründlich.
Doch Luzifer nahm sich in dieser Unergründlichkeit nichts. Hatte er nie. Er war mit seinem Schöpfer auf Augenhöhe. In fast allen Belangen. Denn tatsächlich gab es Dinge, in denen der Fürst der Unterwelt besser bewandert war, als sein himmlisches Gegenstück...

Erschrocken zuckte die junge Frau zusammen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte. Ihre Haut brannte bei dieser Berührung.
"Wieso tust du das?", fragte sie ihren einstigen Geliebten, "Wieso lässt du mich nicht in Ruhe?"
"Weil ich es nicht kann. Das weißt du genauso gut wie ich."
Sein heißer Atem an ihrem Ohr ließ sie erschaudern. Selbst nach all der Zeit ließ seine Wirkung auf sie nicht nach. 
Vor ihren geschlossenen Augen erschienen die Tattoos, von denen sein ganzer Körper übersäht war. Alte, fast vergessene Symbole, Zeichen, Muster. All das, was ihn an die Erde band, auf die Haut tätowiert. Er hatte ihr einst ein wenig davon erzählt. Meinte verächtlich, es sei eine Vorsichtsmaßnahme Gottes gewesen.
Fast wurde sie schwach, doch nach wenigen tiefen Atemzügen hatte sie sich wieder gefasst.
"Was denkst du, Aftiel?", fragte Luzifer in die Stille hinein.
"Ich denke, dass du verschwinden solltest", antwortete Aftiel in einem kühlen Ton.
"Wenn du es auch nur wirklich so meinen würdest..."
Mit einem Ruck packte er sie am Handgelenk und drehte sie zu sich herum, sodass sie in seine dunklen, lodernden Augen blickte.
"Du weißt, wo du hingehörst. Du weißt, wo ich dich haben will und ich bekomme immer was ich will. Immer."
Aftiel spürte wie ihr Widerstand in sich zusammenbrach. Sie hätte vorher wissen sollen, dass sein Charisma und seine Art mit ihr zu sprechen sie in die Knie zwingen würde.
Und genau mit dieser Erkenntnis kam ihr ihr Abstecher in den Himmel plötzlich wie ein schlechter Scherz vor. Was wollte sie dort, wenn sie an seiner Seite regieren konnte?

Ein selbstgefälliges Lächeln legte sich auf Luzifers Gesicht, als er spürte wie das helle blau ihrer Augen immer dunkler wurde bis sie gänzlich schwarz waren und ein Lodern in sie trat, wie es nur Geschöpfe der Hölle in sich trugen.
Fast vorsichtig legte er seine Lippen auf die Ihrigen. Sofort begannen ihre Flügel Feuer zu fangen. Brannten ab, bis nicht mehr übrig blieb als das, was Luzifer auf seinem Rücken trug.
Lächelnd löste er sich von ihr und der Wind trug seine letzten Worte, bevor sie gemeinsam vom Turm entschwanden, aufs Meer hinaus.
"Ich wusste, dass du mich nicht enttäuschen würdest."