Die Kanalisation
Ich
laufe, setze einen Fuß vor den anderen. Das Wasser schwappt gegen
meine Beine. Die Augen auf die gelbgrünliche Flüssigkeit unter mir
gerichtet, bewege ich mich weiter. Den Gestank von Exkrementen und
anderweitigen Kanalisationsgerüchen ignorierend.
Gedanken
schleichen wieder durch mein wabbeliges Hirn, während tote
aufgequollene Körper an mir vorbeitreiben.
Ich
bleibe stehen, beobachte das Schauspiel regungslos.
Ihre
Gesichter sind unkenntlich und doch könnte ich schwören, dass sie
mich hämisch angrinsen. So, als wüssten sie von meiner Lähmung,
dieser verschissenen Behinderung, die mich am Leben hindert.
Das Wasser schwappt in größeren Wellen gegen meine nackten Beine. Die Rattenbisse an den Waden und Füßen schmerzen. Ekel vor mir selbst packt mich.
Ich
bin gelähmt zwischen all den Wasserleichen. Gelähmt, allein, krank
von meiner eigenen Existenz, ohne Hoffnung auf eine helfende Hand.
Eine, die mich aus diesem Loch herauszieht.
Ich
reiße mich von dem Bild, welches sich mir bietet, los und laufe mit
zusammengebissenen Zähnen weiter.
Die
Einsamkeit umhüllt mich hier unten wie eine Zwangsjacke. Entkommen
nicht möglich, der kleinste Versuch zwecklos. Sie nimmt mir die
Luft zum Atmen und die Kraft den Ausgang aus diesem so verwirrenden
Irrgarten zu suchen.
Dabei
bräuchte ich das Licht so dringend.
Das
monotone Tropfen des Wassers aus irgendeiner Abwasserleitung
begleitet mich auf meinem Weg. Die Uhr tickt. Lebenszeit verstreicht
ungenutzt.
Sekunde
um Sekunde, Minute um Minute, Stunde um Stunde.
Ein
ewiger Kreislauf, dessen Ende in meiner Welt nicht existent ist.
Es
fühlt sich seltsam an, an einem Ort zu schlafen, der gemieden wird.
Es fühlt sich seltsam an und doch irgendwo vertraut. Paradoxe
Gefühle fluten durch meinen Körper, lassen mich leicht erzittern.
Das
Wasser steht mir nun schon bis zur Hüfte.
Die
Kanalisation, die Katakomben dieser Stadt sind mein neues zu Hause.
Zusammen mit der Behinderung, die mich nicht mehr loslässt, alle
klaren Gedanken bereits vor dem Denken zu Grabe trägt und mir alles
genommen hat, was mir einst lieb und teuer war.
Ich
tauche mit dem Kopf unter Wasser, lasse ihre Schreie in meinem Kopf
verstummen. Einfach so sind sie weg.
Und
während ich die Stille um mich herum genieße, bin ich mir fast
sicher, eines Tages, vielleicht, wieder ohne sie leben zu können.
Current music: Sopor Aeternus - Is it safe to SLEEP alone?